Melanie Meier: Levi – Aus dem Leben eines Verrückten

Qindie-Buch des Monats März 2014

»Nur, weil man etwas sieht, das andere noch nicht katalogisiert haben, heißt das nicht, dass es das nicht gibt.«

Levi ist dreizehn Jahre alt, als die Ärzte eine Psychose diagnostizieren und ihn einweisen. Doch selbst in diesem Alter kann Levi allen, die ihm zuhören, nur immer wieder sagen:
»Ich bin nicht krank. Was ich sehe, ist tatsächlich da.«

Nicht nur ihm stellt sich die Frage: Was ist wirklich, und was ist es nicht?

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Die Autorin über die Entstehung des Romans

Dieses Buch gehört zu jenen, die mich als Schriftstellerin selbst überrascht haben, denn normalerweise benötigt es Wochen der Vorbereitungen, bis ich mit einem Roman beginnen kann.
»Levi« aber entstand aus einem Gedankenspiel und einem Bedürfnis heraus, und diese Kombination brannte in mir wie Feuer, sodass ich sofort loslegen musste.
Beides, Bedürfnis und Gedankenspiel, versuche ich nun einmal aufzuschlüsseln.

Das Bedürfnis:
Toleranz, Akzeptanz, Empathie, Menschlichkeit – das sind Worte, die wir unablässig hören und benutzen. Doch im praktischen, täglichen Leben kommen sie in Form von Handlungen (oder Gedanken und Worten) zu selten zur Anwendung. Die Gründe dafür sind so vielzählig wie es Menschen gibt. Immerhin sind sie individuell, sowohl die praktischen, täglichen Situationen als auch die Menschen.
Denn wie schnell fällen wir Urteile? Wie schnell messen wir unseren Mitmenschen Wert und Bedeutung bei? Wie schnell sind wir mit Herabwürdigung oder gar Diskriminierung zur Stelle? Wie schnell delegieren wir Verantwortung? Und wie schnell haben wir zu allem eine Meinung?

Das Gedankenspiel:
Aus diesem Bedürfnis heraus wollte ich als Autorin keine Urteile fällen – nicht einmal im Subtext. Ich wollte ein Geschehnis wiedergeben, nicht als Richter agieren oder etwas suggerieren.
Mir war klar, dass ich das nur erreichen konnte, wenn ich als Autorin einen Schritt zurück mache und mich möglichst wenig mit den fiktiven Ereignissen identifiziere. Auf das Schreiben übersetzt hieß das: Ich berichte nur. Ich bin Beobachter.

Um all das zuwege zu bringen, benötigte ich natürlich einen entsprechenden Protagonisten und ein entsprechendes Thema. Was böte sich da besser an als ein junger Mann, der anders ist als seine Mitmenschen, den diese Andersartigkeit aus der Gesellschaft ausgrenzt?
Levi und seine Psychose beziehungsweise seine Gabe waren geboren.

Immer wieder schreiben mir Leser und fragen mich, worum es sich nun handle, ob Levi nun ›verrückt‹, also psychotisch sei, oder ob er nicht doch eine besondere Gabe habe. Und ihnen allen antworte ich meinem Bedürfnis entsprechend: Ich weiß es nicht. Ich habe weder das eine noch das andere. Darum kann ich kein Urteil fällen.

Man könnte also sagen: »Levi« ist mein Bekenntnis zum Nichtwissen. Und mein Aufruf, aufgrund dieses Nichtwissens nicht leichtfertig über Andersartigkeit zu urteilen.

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One Reply to “Melanie Meier: Levi – Aus dem Leben eines Verrückten”

  1. Jack Tilly Jones

    Meinung:

    „Er saß nur auf seinem Bett und starrte ins Nichts. Lange genug hatte er geredet und geredet, ohne dass ihm jemand zugehört hatte. Es war Zeit, still zu sein.“
    Seite 98

    „Levis“ Geschichte kann ich nicht wirklich rezensieren, nicht beurteilen, außeinandernehmen oder kritisieren. Sie ist fiktiv, und doch streubt sich mein Verstand, sie wie die üblichen fiktiven Geschichten zu betrachten. Bizarre Stimmen suchten mich bereits während des Schlafes heim, weckten mich, brüllten mir Dinge zu, die ich einfach nicht verstehen konnte. Waren es womöglich die Drillinge, die mich aufforderten, alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Oder ist es die Auswirkung der Schatten, die sich eventuell in meinen Verstand fraßen und mich dadurch völlig durcheinanderbrachten?….

    Bei solchen eigensinnigen Geschichten wie diese hier dürfte nicht mal die Autorin die Kontrolle über das Geschriebene gehabt haben. Deutlich erkenn- und nachweisbar ist dies, wenn man zum Nachwort am Schluss angelangt ist. Denn eines sollte dem Leser klar sein: Bei diesem Buch ist alles so, wie die Geschichte es wollte. Aber dazu kommen wir noch früh genug.
    Wie finde ich eine Geschichte über einen Mann, der am Tag zig Biere trinkt, mit Ende 20 Rentner ist und anscheinend völlig kaputt durch sein Leben wandert?

    Mein Weg durch Levis Leben
    Nach und nach begab ich mich in die verschiedenen Lebensabschnitte von Levi. Erlebte und durchleidete seine Gegenwart, aber auch seine Vergangenheit mit ihm. Es war nötig, um den jetzigen Levi besser verstehen zu können. Zu wissen, wieso er mit Ende 20 Renter ist und er ständig und überall seine Bierflaschen mitschleppt. Warum irgendwelche gespenstischen Drillinge in seiner Wohnung erscheinen und ihm seltsame Worte entgegenbrüllen. Während ich mich auf die Reise durch seine Lebensabschnitte begab, lernte ich mit ihm, dass man sich am Ende nur auf sich selbst verlassen kann. Das die Leute zwar sagen, dass sie die Wahrheit hören wollen, aber am Schluss nicht wirklich zuhören. Das Vertrauen wird missbraucht, man verliert sein eigenes ich, spielt die Regeln mit. Hofft, dass letztlich der Tag kommt, an dem die Zweifel vertrieben werden und man endlich frei von all dem ist. Frei von den Lasten, die man aufgelegt bekommt. Frei von den Enttäuschungen, die die Menschen, die uns eigentlich beschützen sollen, uns immer und immer wieder in den Weg legen.

    Wie kann ein Kind mit so etwas fertig werden, wenn nicht mal die eigene Mutter die Kraft besitzt, ihrem Sohn Glauben zu schenken und ihn vor der Welt da draußen zu beschützen? Die Kraft, um seine Gabe, die ihr selbst das eigene Leben rettete, richtig zu verstehen? Eine Gabe, die wirklich existent ist und kein Hirngespinst oder Krankheit im Kopf ihres Sohnes darstellt. Ihn beschützen vor sich selbst und vor allem vor seiner innerlichen Ungewissheit, ob das, was er sieht und tut, wahr und richtig ist. Levi sieht Dinge, riecht den Tod. Rettet Menschen das Leben. Verjagt Schatten, die an den Menschen nagen wie blutgierige Zecken. Levi selbst weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat. Eins wird er aber, denke ich, im Laufe seines Lebens gewiss gerlernt haben: Diese Gabe kann er nicht ignorieren. Denn egal, wie er es dreht und wendet: Sie rettet den Menschen das Leben.

    Freunde zu finden ist schwer, erst recht, wenn man in Levis Situation ist. Dennoch hat er genau diesen einen Freund, der ihn all die Jahre Rückhalt gibt
    Phil – Levis Bester Freund. Vermutlich ist die Freundschaft auch das einzig normale in seinem Leben, dass nicht zerbricht und ihn auch bisher noch nie enttäuscht hat. Die Beziehung von Phil und Levi ist in meinen Augen nicht gleich so, wie man es vermutet. Sehen andere vermutlich zwei Menschen, die ohneinander schwer können, sah ich in erster Linie Eigennutz. Eigennutz bei Levi, der Phil einfach braucht, damit er nicht vollkommen aus der Normalität driftet. Eigennutz bei Phil, da dieser sich von Levis Gabe hingezogen fühlt. Wie die Motte das Licht liebt und braucht, so brauchen und lieben sich diese beiden auf eine ganz eigene und gesonderte Art. Beide schätzen sich deshalb, denn sie nehmen und geben sich gegenseitig das, was der andere braucht. Phils Leben ist so, wie Levi es ihm geraten hat und Phil zweifelt NIEMALS daran, was Levi ihm erzählte. Begonnen hat es damals, als sie Kinder waren und Phil mitbekam, dass Levi in die Irrenanstalt eingeliefert wurde. Levi vertraute und öffnet sich ihm nach und nach an und Phil hörte ihm zu. Hörte und verstand. Ich denke auch, dass Phil der einzigste Mensch in Levis Leben ist, der WIRKLICH immer wissen wollte, wie es ihm ging und was er sah. Bis Lilith in sein Leben trat. Lilith ist und war in meinen Augen ein Geschenk für Levi. So mysteriös wie mit ihrem Auftauchen daherkommt, fragte ich mich bis zum Schluss, ob seine Gabe ihm damit wieder Kraft geben wollte. Denn es war seine Gabe, die ihm den Weg zu Lilith weiste.

    Das Interessante an diesem Buch, was mir erst langsam nach und nach auffiel war, ist, dass die Autorin auf Beschreibungen von Emotionen verzichtete. Sie schreib zwar hin und wieder, das wer schrie, aber größtenteils ließ sie ihre Figuren machen, die Handlungen für sich sprechen. Hier hat Melanie Meier das richtige Maß gesetzt und ihrer fiktiven Geschichte einen ganz besonderen Nebeneffekt angefügt, den ich als ihre größte Stärke beloben möchte. Fühlte ich dadurch rein gar nichts? Empfand ich keinerlei Mitleid für den jungen Levi, als dieser von der eigenen Mutter zu einem Arzt nach dem anderen geschleppt wurde? Als die Ärzte ihn festhielten, um ihn seine Medikamente zwanghaft per Spritze einzuführen? Die Antwort darauf lautet NEIN. Es ging mir nahe, frass an mein Mitgefühl und erzeugte innerliche Wut, die Ausbrach und mich das Buch für einige Augenblicke aus der Hand nehmen ließ. Wut darüber, wie man diesen kleinen Jungen einfach nicht richtig zuhören wollte. Probleme wurden hier nicht gelöst, sondern mit Medikamente und Ignoranz betäubt. Und ja, ich musste mir immer wieder einreden: Es ist nur Fiktion. Aber ich bin mir sicher, dass der Umgang mit „psychotischen“ Kindern oftmals falsch gehandhabt wird.

    Ich gebe zu, dass Melanie Meier mit diesem Thema bei mir ins Schwarze gettroffen hatte. Denn gerade wenn es um Kinder geht, sehe ich die Dinge etwas anders. Tiefer, empfindlicher. Die Erwachsenen denken meist, dass sie genau wissen, was für die Kinder gut ist. Und das mag hin und wieder auch stimmen, schließlich sind es doch diejenigen, die die Kinder beschützen müssen, oder? Wie kann es also passieren, dass ein Junge behauptet, Dinge zu sehen, die Ärzten wortwörtlich die Zukunft und das Leben rettet, und man schenkt ihm immer noch kein Glauben? Macht es den Menschen so sehr angst, wenn sie etwas anderes kennenlernen, was sie selbst nicht ganz begreifen können? Wäre es nicht klüger, das andere zu studieren und verstehen zu wollen anstatt es zu ignorieren und wegzusperren?

    Fazit:
    Melanie Meier lässt den Leser entscheiden, was die Charaktere im Buch fühlen und das meiner Meinung nach auf eine realistische, schockierende Art und Weise. Wie die für Levi unerklärbaren Schatten im Buch, die sich von den Menschen „ernähren“, so ernährte auch das Buch sich von meinen Gefühlen. Ein Buch, dass nicht durch sein geschriebenes lebt, sondern einzig und alleine durch die Empfindungen des Leser während des Lesens. Das mag schwer nachvollziehbar sein, aber bei mir persönlich war das der Fall. Ich ließ mich auf Levi und sein Leben ein, und gegen Ende hatte ich meine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge, die zuvor geschahen. Ein Buch, bei dem mit Sicherheit JEDER die Dinge anders wahrnehmen wird. Empfehlenswert? Für mich auf alle Fälle.

    Bewertung:
    Melanie Meiner und Levi bekommen ohne Wenn und Aber 5 von 5 Marken von mir. Auch wenn das Ende offen ist, Fragen nicht beantwortet werden, so konnte mich diese Geschichte zum Nachdenken anregen und meinen Verstand f(r)esse(l)n.

    Es grüßt
    ~ Jack

    https://www.qindie.de/qindie-partner/blogger-rezensenten/in-flagranti/

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