Aber … ich WILL kein Self-Publisher sein!

Von Maria M. Lacroix

Auf meiner Couch sitzen derzeit ein Private Investigator aus San Francisco und eine deutsche Studentin. Die Stimmung ist leicht angespannt, die Couch etwas zu eng für den kräftigen, durchtrainierten Mann und die junge Frau. Er sieht nach rechts und betrachtet ein Bild, das an meiner Wand hängt, sie schaut nach links aus dem Fenster.

Sie kennen sich noch nicht und haben nicht den blassesten Schimmer, dass sie sich unsterblich ineinander verlieben, heiße, wilde Nächte miteinander verbringen und am Ende gemeinsam einen Drogenbaron dingfest machen werden.

Und vermutlich wird es auch nie so weit kommen.

Vampir„Sorry“, sage ich den beiden, „ihr seid nicht New-Adult-tauglich genug. Bestenfalls Romantic Thrill, aber … naja … derzeit ist eben New Adult gefragt.“

Sie sehen mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. Ob ich ihnen sagen soll, dass das nicht meine Entscheidung, sondern die der Verlage ist? Dass ich sie liebend gern durch alle möglichen und unmöglichen Sex-Posen jagen würde, während sie so ganz nebenbei einen Kriminalfall lösen?

Besser nicht …

Und was soll ich erst den drei Vampiren erzählen, die derzeit (es ist noch Tag) bei heruntergelassenen Rollos in meinem Schlafzimmer ruhen? Die beiden männlichen Vampire waren sowieso schon nicht begeistert, sich gemeinsam ein Zimmer teilen zu müssen (die Älteren unter ihnen können mitunter etwas homophob sein). Ganz abgesehen von dem psychischen Stress, den die Vampirjägerin bei mir verursacht, weil sie unruhig vor der Schlafzimmertür auf und ab pirscht.

Verdammt, ich habe doch noch anderes zu tun, als sie davon abzuhalten, mit Pflöcken bewaffnet das Zimmer zu stürmen und da drinnen ein Massaker zu veranstalten.

Ob ich sie ablenken könnte, indem ich ihre Geschichte erzähle …? Aber nein, Fantasy geht im Augenblick gar nicht. Wenn Verlagsleute die Worte „Vampir“ oder „Werwolf“ nur hören, geht das große Geschrei los.

„Was? Vampire?“, fauchte mich neulich jemand aus der Branche an und warf die Hände in die Luft, „ja, sind sie denn des Wahnsinns, Frau Lacroix? Vampire sind OUT!“ „Buuuuuh!“, rief jemand anderes und von weiter hinten verlangte irgendwer nach einem Eimer, weil ihm das Frühstück wieder hochkam.

„Aber … aber meine Vampire sind wirklich böse“, versicherte ich ihnen schnell, „und sie glitzern auch nicht. Versprochen!“

Hinter mir nickten die Vampire eifrig. Einer formte sogar die Hände zu Klauen und fauchte dramatisch.

QuoteboxAber die Verlagsmenschen zeigten sich unbeeindruckt. Stattdessen legten sie die Finger über Kreuz und trieben uns so zur Tür hinaus. Wir gingen – selbstverständlich nicht wegen der dilettantisch kreierten Handkruzifixe –, sondern aus verletztem Stolz und tiefster Kränkung.

 

Ich wollte immer bei einem Verlag unterkommen. Das hat mehrere Gründe:

  1. Wenn man bei einem Verlag ist, hat man „es“ geschafft! (Zumindest dachte ich das).
  2. Ich wollte mir selbst beweisen, dass meine Geschichten und meine Schreibe gut genug sind.
  3. Wenn man bei einem Verlag ist, hat man „es“ geschafft!
  4. Self-Publishing ist für jene, die entweder so unkonventionell schreiben, dass sie in kein Verlagsprogramm passen (ist bei mir nicht der Fall – ich schreibe Mainstream), oder für die, die zu schlecht für einen Verlag sind (weiß doch jeder!), was mich wieder zu den Punkten 1, 2 (und 3) bringt.
  5. Ich bin Autor. Ich bin kein Lektor/Korrektor, Grafik-/Coverdesigner und Marketing-/Werbe-Experte. Ich will schreiben. Nicht mehr und nicht weniger.
  6. Wenn man bei einem Verlag ist, hat man „es“ geschafft! (Erwähnte ich das bereits?)
  7. Nicht zuletzt, weil mein Selbstbewusstsein fürs Selbstverlegen nicht groß genug ist. (Was, wenn es einfach wirklich zu schlecht ist? Was, wenn es nur negative Kritiken hagelt? Wenn ich mich blamiere? Überschätze? Meine Schreibe für genial halte, sie sich in Wirklichkeit aber gerade mal wie die Schreibversuche eines Drittklässlers lesen, etc. etc.)
  8. Und … ach ja, wenn man bei einem Verlag ist, hat man „es“ geschafft!

Also, um es kurz zu machen: Self-Publishing kam für mich nie in Frage!

Meine MuseNun sitze ich aber in meinem überfüllten Wohnzimmer und habe Schwierigkeiten, mich aufs Schreiben zu konzentrieren. Während sich ein Dämon lauthals mit einem Werwolf streitet, Pixie-Elfen um mich herum flattern und mit ihrem Glitzerstaub Pusteln auf meiner Haut verursachen (ich habe die seltene Tinkerbell-Allergie) und der schottische Vampir (Jahrgang 1772) im Nebenzimmer versucht die Jägerin zu verführen, fange ich langsam an, mit der Idee des Self-Publishings zu liebäugeln. Irgendwo müssen ja die ganzen Kreaturen hin, die bei mir Asyl beantragt haben. Von allein werden es nicht weniger – im Gegenteil. Es werden täglich mehr.

Warum also nicht Self-Publishing? Ich bin es leid, auf die lähmend langsamen, Trends hinterherjagenden („Warum schreiben Sie nicht so etwas wie ‚50 Shades of Grey‘?“), kreativitätskillenden Verlage zu warten.

Ich bin müde.

Und während die Idee langsam Formen annimmt und mir ein neues, lang vergessenes Hochgefühl beschert, beschweren sich meine Mitbewohner über den leeren Kühlschrank.

Neben mir beugt sich einer der Vampire herunter, streicht mit kalten Fingern mein Haar zur Seite und haucht in mein Ohr, dass er hungrig sei.

„Sorry, Kumpel“, sage ich, „es ist Ende des Monats und euch will ja niemand. Die Werwölfe fressen mir buchstäblich die Haare vom Kopf. Es tut mir leid, aber es gibt nichts Essbares mehr im Haus.“

„Du bist im Haus“, flüstert er und sein eisiger Atem streicht über meinen Hals.

Ich wusste, dass mich das Business früher oder später umbringen würde …

… wenn ich nicht bald mal selbst aktiv werde!

Maria M. Lacroix