Das Mädchen mit dem Porzellangesicht

Das Mädchen mit dem Porzellangesicht

 

Das Mädchen mit dem Porzellangesicht ist ein Märchen mit Steampunkeinflüssen. Oder besser: Es möchte mal eins werden, denn es ist noch nicht fertig.

Auf dem zugehörigen Blog könnt ihr live bei der Entstehung des Romans dabei sein und praktisch in Echtzeit mitlesen. Auch auf Facebook freut sich das „Porzellanmädchen“ über Follower.

 

Teil 1

Es ist Herbst und es ist still. Ich halte den Atem an, nicht einmal die wenigen letzten Blätter an den Ästen der alten Birke rühren sich. Das letzte Mal, als ich eine solch tiefe Stille erfuhr, muss im Jahre 1864 gewesen sein, kurz bevor der Dale-Dyke-Staudamm brach, und die Stille hielt nur ein tiefes Einatmen lang an.

Es scheint, als läge das große rote Backsteinhaus in Covent Garden unter einem unsichtbaren Schutzschirm, der alle Geräusche absorbiert. Das Schlafzimmerfenster ist hell erleuchtet und auch im kleinen Salon direkt darunter flackert ein Gaslicht, das den Tisch und die Umgebung spärlich erhellt.

Herr Kobayashi sitzt in seinem Sessel, die Zeitung reglos auf den Knien, und starrt in die erkaltende Glut im Kamin. Er trägt einen Morgenrock aus feinster Seide über der schwarzen Anzugshose und dem gestärkten Hemd. Nur die Krawatte hat er ein wenig gelockert. Seine Gesichtszüge sind entspannt, aber Herr Kobayashi ist nervös. Ein geübter Beobachter kann es an dem fast unmerklichen Zucken seines linken Augenlids erkennen.

Dann faltet Herr Kobayashi die Zeitung zusammen und durchbricht die Stille. Er lässt die Nackenwirbel knacken und sieht auf seine Taschenuhr. Acht Stunden und fünfundvierzig Minuten schon wartet er. Es ist gleich halb sieben, Mary Kelly ist bereits tot und Herr Kobayashi wird pünktlich um acht Uhr den Laden öffnen. Herr Kobayashi öffnet immer pünktlich um acht Uhr.

Es klopft an der Tür und er springt aus dem Sessel. Frau Whittles steckt den Kopf ins Zimmer und als sie sieht, dass Herr Kobayashi wach ist, rollt sie einen Servierwagen herein, auf dem eine Kanne Tee, ein Sahnegießer und Gebäck stehen.

“Sie müssen etwas essen”, sagt sie mit ihrer unverwechselbar knarzig klappernden Stimme, die klingt, als stecke ein Beutel Schrauben in ihrem Hals.

Herr Kobayashi hat schon mehrfach angeboten, das Stimmproblem beheben zu lassen, aber Frau Whittles winkt immer ab. “Ich bin ein Montagsmodell”, pflegt sie in diesen Momenten zu sagen und aus ihrem Mund, mit ihrer Schraubenstimme gesprochen, klingt das fast wie ein Kompliment.

Sie gießt den Tee ein und gibt einen Tropfen Sahne hinzu. Ihre Gelenke quietschen ein wenig und sie errötet. Herr Kobayashi tut so, als hätte er nichts gehört und nimmt die Tasse entgegen. Earl Grey, natürlich. Frau Whittles weigert sich beharrlich, japanischen Tee zuzubereiten und Herr Kobayashi hat sich daran gewöhnt, so wie er sich an so vieles in diesem Land gewöhnt hat. Die Hektik, das viel zu fette Essen, der Nebel, Regen, Gestank. Er nimmt wieder Platz, nippt an dem heißen Tee und lehnt sich in seinem Sessel zurück.

Frau Whittles kommt langsam in die Jahre. Die qietschenden Gelenke sind nur eins der Symptome. Gestern hat sie vergessen die Suppe zu salzen und in der kommenden wird sie ihren Termin bei Doktor Dunnaby versäumen. Das allerdings wird vorsätzlich geschehen, was sie natürlich nicht zugeben wird. Frau Whittles gehört noch lange nicht zum Alteisen, auch wenn Doktor Dunnaby anderer Meinung sein mag. Sie schenkt Herrn Kobayashi Tee nach und reicht ihm einen Teller mit Gebäck.

Der Milchmann stellt die Flaschen vor der Tür ab, Jack the Ripper schließt das Glas, in das er Mary Kellys Herz gelegt hat, und im Schlafzimmer des roten Backsteinhauses in Covent Garden saugt ein Baby Luft in die Lungen und stößt seinen ersten, noch etwas dünn klingenden Schrei aus.

Willkommen, Miyo, willkommen in dieser kalten Welt. Willkommen in deiner Geschichte.

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Weiterlesen (Teil 2)